Kategorie-Archiv: Robert Zimmer, Reflexionen einer Kanalratte

Das Tao des Denkers, das Stretching des Läufers

“Laufen und Denken”: Unter diesem Motto steht dieser Blog, und zwar deswegen, weil beide sich sehr gut ergänzen und gegenseitig befruchten können. Doch es gibt auch Ausnahmen, bei denen sich die schreibende Kanalratte entscheiden muss, ob sie sich in den Laufbereich oder den Denkbereich begibt. Eine dieser Ausnahmen ist das Stretching und Warming Up. Hier gehört die schreibende Kanalratte eher zu denen, die, im Sinne des TAO, lieber “nicht handeln” als “handeln”. Wenn die Kanalratten also in Rudelbildung zum Stretching antreten, findet man die schreibende Kanalratte im meditativen Abseits, bewaffnet mit den Insignien des Kopfarbeiters.

Blog 2 Tao

Vor und hinter Wladiwostok

Was die Existenzphilosophen “Grenzerfahrung” nennen, gehört ja mehr oder minder zum täglich Brot der Laufverrückten. Und auch, dass die Folge großer Anstrengung ebenso großes Glück sein kann.  Die Kanalratte hat sich also an einem völlig verregneten Sonntag in jene Gegend aufgemacht, die für den Süd- und Westberliner kurz vor Wladiwostok liegt. In den Marzahner Gärten der Welt gab es einen legendären Wasser- und Crosslauf, durch Schlamm, riesige Pfützen, bei kaltem Wind und Dauerregen. Und danach die Erfahrung, die schöner ist als jeder Trip: Wenn die völlig verdreckten und durchnässten Kleider abgestreift  sind und die Wärme deinen Körper durchströmt – dann fliegst Du über die Grenze, auch über Wladiwostok hinaus.

Gruppenbild mit Damen

Blog 1 Marathonstaffel 2012

Die Marathonstaffel der Lankwitzer Kanalratten im Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof – November 2012.

Einmal im Jahr lädt die schreibende Kanalratte zur Rudelbildung ein. Diesmal waren auch Mäuse dabei. “Von Mäusen und Menschen” – das kennen die Leseratten unter den Läufern doch: Richtig, John Steinbeck. Wie steht es aber mit Mäusen und Ratten? Tierpsychologisch ist hier größte Skepsis angesagt. Läuferpsychologisch sieht das jedoch ganz anders aus. Die Lankwitzer Kanalratten jedenfalls haben zwei schnelle Mäuse für ihre Berliner Marathonstaffel 2012 eingeladen, darunter die schnellste Maus von Mexiko, deren Namen wir aus Datenschutzgründen nicht preisgeben. Die Kombination aus drei männlichen Ratten und zwei weiblichen Mäusen hat jedenfalls den Kanalratten eine Zeit unter 4 Stunden beschert, was fiir Kanalrattenverhältnisse eine Fabelzeit ist.

Fazit: Wer keine schnellen Beine hat, kann auch seinen Kopf benutzen: Kluge Ratten können auch mithilfe flinker Mäuse schnell ans Ziel kommen

Kleiner Versuch über die Langsamkeit

Heute schreibe ich mal wieder in eigener Sache – denn die schreibende Kanalratte gehört zu den eher Langsamen in der Läuferzunft. Und zu denen, die glauben, dass Langsamkeit nicht immer was mit Zu-spät- Ankommen, sondern auch etwas mit erhöhter Intensität zu tun hat. Erinnert sich noch jemand an die Sache mit Achill und der Schildkröte, die uns von dem frühgriechischen Philosophen Zenon überliefert ist? Achill, der später startet als die Schildkröte, wird diese nie einholen, weil er immer zunächst den Punkt durchlaufen muss, den die Schildkröte gerade passiert hat — auch wenn die Intervalle immer kleiner werden. Beschäftigen wir uns jetzt mal nicht mit der mathematischen Auflösung dieses Gedankenspiels – sondern mit der läuferpsychologischen Quintessenz. Langsames langes Laufen vermittelt einen Grad von psychischer Zufriedenheit, von Intensität der Landschaftserfahrung, von physischem Wohlbefinden – und von geistiger Frische, die der Sprinter nie erreichen wird. Er ist einfach nur_ ausgepumpt – der Langsame dagegen hat aufgetankt.

Überholen lassen wollen wir uns trotzdem nicht!

Hexensalbe

Hexen kennen wir ja heute noch. Vielleicht gibt es auch ein paar zu viele davon. Doch das ist jetzt nicht mein Thema. Besonders interessiert hat mich immer, warum die Hexen fliegen konnten – ihr wisst schon: nachts auf einem Besen. Sie hatten sich, so sagen es uns die schlauen Hexenbücher, mit speziellen Salben eingerieben. Salbe drauf und ab geht die Post. Das Problem ist: wir kennen das Rezept nicht.

So eine Salbe wünscht sich jeder Läufer, vor allem der, der gerade eine Zerrung, Achillessehnenreizung oder ähnliche unangenehme Läuferbeschwerden hat. Die richtige Salbe, die den statischen in einen mobilen Zustand verwandelt – das wärs. Kurz: eine Hexensalbe eben. Salbe drauf und ab gehts mit Power an den Teltowkanal.

Jüngst keimte Hoffnung auf. Eine junge Apothekerin und gleichzeitig passionierte Läuferin hat der Kanalratte eine Salbe empfohlen. Die Kanalratte war begeistert: endlich die Hexensalbe. Leider war es auch nicht ganz das gesuchte Hexenrezept – das mit der Zerrung zieht sich hin. Aber vielleicht war es wenigstens eine Hexe…

Running Hipster?

Die Kanalratte gehört ja einer etwas älteren Generation an, in deren Jugend die Jungs Schnurrbärte, Backenbärte und Vollbärte trugen, die Rolling Stones, Kinks und Spencer Davis Group die Charts stürmten und in der es noch Tumhosen gab und auch der Trainingsanzug noch nicht Funktionsbekleidung hieß. Aber es gab Hippies. Gibt es noch Hippies? Wer weiß. Jedenfalls gibt es jetzt Hipsters. Aber was ist ein Hipster? Die Kanalratte hat jetzt einen schlauen Zeitungsartikel darüber gelesen. Da steht dann, dass ein Hipster – neben vielen andere unangenehmen Eigenschaften – einen Schneuzer trägt, mit einem Jutebeutel bewaffnet ist, ein “existenzieller Besserwisser” ist, Kerouac und Nietzsche gelesen hat und überhaupt sein Herrschaftswissen aus Büchern (wie uncool!) bezieht. Außerdem trägt er weiße gerippte Unterhemden‚ die die Spießer im mittleren Westen tragen und die man “wife beater” nennt.

Da ist die Kanalratte ins Grübeln gekommen. Als Mitglied der schreibenden Zunft hat sie ungeheuer viel Herrschaftswissen aus Büchern angesammelt, hat Kerouac und Nietzsche gelesen, trägt seit gefühlten 100 Jahren einen Schneuzer und hat sich von seiner Partnerin versichern lassen, er sei nicht nur ein existenzieller, sondern auch ein notorischer Besserwisser. Außerdem hatte er als Schüler einen Jutebeutel statt Schultasche. Und er kennt auch jene ominösen Unterhemden.

Ist die Kanalratte ein running Hipster? Vielleicht doch nicht ganz. Die Kanalratte ist dafür doch etwas zu alt und dass sie ihr “Konsumverhalten zu einer Kunstform erhoben” hätte, wie es der amerikanische Essayist und Hipster-Kenner Mark Greif schreibt, kann man wirklich nicht behaupten. Die Kanalratte ist eher eine Steinzeit-Hipster-Parodie.

Dennoch schaut sie sich jetzt bei ihren Trainingsläufen am Teltowkanal des öfteren verstohlen um: nach schnauzbärtigen Runnern, die ein E-Book in der Hand halten und so aussehen, als würden sie gerade Kerouac lesen und ihre Tage in einem Cafe in Kreuzkölln verbringen. Vielleicht tragen sie ja auch ganz hippe  Funktionsbekleidung, und auf den running shorts steht dann ganz uncool “’Turnhose”.

Die Sehnsucht nach dem idealen Partner

Platon, der Oberguru unter den griechischen Philosophen, erzählt uns folgende Geschichte (er nennt sie “Mythos”): Ursprünglich waren Mann und Frau nicht zwei verschiedene Menschen, sondern ein einziger, vereinter Mensch. Irgendwann wurden sie künstlich getrennt – und seitdem sehnt sich die eine Hälfte nach der Vervollständigung durch die andere.
Nicht nur der Mensch im allgemeinen, sondern jeder einzelne, so füge ich mal hinzu, sucht nach seiner idealen Ergänzung, sprich: der Traumfrau oder dem Traummann.

Auch der Läufer sucht, manchmal sehr lange, nach seinem idealen Partner. Gemeint ist jedoch kein Mensch, sondern – ein Schuh: der ideale Laufschuh nämlich. Der perfekte Lauf gründet auf einer perfekten Partnerschaft, nämlich die zwischen dem Läufer und seinem Schuh. Alles andere ist Nebensache. Vergiss die Funktionsbekleidung. Du kannst in einem Rollkragenpullver aus den 60er Jahren und in einer langen Flanellunterhose laufen, Hauptsache Du hast den richtigen Schuh. Ohne guten Schuh kein guter Lauf.

Die Partnersuche des Läufers kann lange dauern, manchmal Jahre. Jedenfalls hat mir mein Coach, der sich in Partnersuche auskennt, irgendwann jenen tollen Schuh vorgestellt, der seitdem meinem krummen Fuß schmeichelt und meine Nr. l geworden ist. Doch wie es im Leben und auch bei Platon so ist: In diesem Leben ist man nie 100% zufrieden. Die Sehnsucht hört ja nie ganz auf… So habe ich mir jüngstens einen exotischen “Nebenpartner” zugelegt: ein chinesisches Modell. Er kommt an meine Nr. l nicht ran, aber ab und zu gibt er mir einen neuen Kick. Ideal ist halt nicht immer ganz ideal!

Meditationen über die Null

 

Die Null bringt Mathematiker und Philosophen ins Schwärmen und gleichzeitig ins Grübeln. Ist es überhaupt eine Zahl? ein Grenzbegriff? eine künstliche Einheit? oder schlichtweg gar nichts? Das nun wieder nicht, würde ein Mathematiker sagen, immerhin kann man und muss man immer wieder mit  ihr rechnen.

Man kann auch hineinfallen. Für den Läufer ist die Null das, was bei Dante der siebte Ring der Hölle ist. “Ich bin auf Null” heißt: Rien ne va plus. Nichts läuft mehr – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Kanalratte ist gerade (verletzungsbedingt) durch die Null gegangen und kämpft sich langsam und mit schweren Schritten voran. Gewicht zugelegt, Laufzeit unterirdisch, Kondition nur in Umrisssen erkennbar. Beim Blick zurück sieht die Kanalratte das Land, das sie gerade verlassen hat und nie mehr betreten will: das Land der Null – das  Land, in dem nichts und niemand mehr läuft.

Mein Fuß hat ein Burn Out

Burn Out? Kenn ich eigentlich nicht so. Im Gegensatz zu meinem Fuß. Und das hat leider Folgen. Mein Lauf-Geist ist willig, doch mein Lauf-Fuß ist schwach! Seit Wochen boykottiert mein linker Fuß jedes Training mit Entzündungsschmerzen und widerlegt die in der Philosophie vorherrschende These, dass der Geist die Materie, die Vemunft den Körper beherrscht. Bei mir herrscht die Materie über den Geist und mein Fuß herrscht über mich. weswegen sich die Frage stellt: Wer läuft hier eigentlich: mein Fuß oder ich?  Jedenfalls: Kein Laufen, kein Training, kein nichts! Mein Fuß ist ausgebrannt, tut weh, ist fertig mit der Welt.  Mir geht es gut, aber mein Fuß hat einen Burn Out!

Gruß an einen berühmten Kollegen

Vermutlich gibt es nicht viele schreibende Kanalratten, aber doch viele laufende Autoren. Manchmal schreiben sie sogar schlaue Bücher über das Laufen. Nonnalerweise redet die Kanalratte über Laufen und Denken, wenn sie nicht gerade läuft oder denkt. Heute empfiehlt die Kanalratte ausnahmsweise mal ein Buch, das Buch eines berühmten laufenden Kollegen, der nicht nur schreiben kann, sondern auch was vom Laufen versteht:

Hantki Marukami: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede.

Der Kollege Marukami spielt, zugegebenermaßen, in einer anderen Liga: Er läuft so 300 km im Monat, während die Kanlaratte in ihren besten Zeiten sich mit 120 -140 km brüstet. Außerdem macht der gute Mann Triathlon.

Dennoch: Das Buch enthält nicht nur viele schöne Erfahrungsberichte, so den über den 100 km Lauf um den Saroma-See (Wahnsinn), sondern sehr anschaulich die Grundwahrheit aller laufenden Autoren: Langlauf und Schreiben sind sozusagen strukturgleich – ein langes diszipliniertes, schmerzliches Auf- und Ab, das schließlich in einer glücklichen Selbsterfahrung endet. Nicht das Siegen, sondern das Erkennen ist das Ziel.

Noch Fragen? Dann wendet Euch an den berühmten Herrn Marukami. Wenn man gerade mal nicht laufen kann, kann man ja auch mal lesen..

Gastbeitrag: Reflexionen einer anderen Kanalratte

Der Trainer, alias der Erklärbär erzählt:
Der Laufmacho, oder die Wiedergeburt der Steinzeitlaufratte

Es ist Samstagmittag. Graues, kühles Wetter, aber nach dem gestrigen wärmsten Tag dieses Sommers ein guter Tag zum Laufen.
Mein Rücken schmerzt mal wieder besonders und ich habe eigentlich keine Lust, aber wann wenn nicht heute …?

I-Phonehörer ins Ohr gesteckt, Uhr angeschmissen und losgelaufen.

Mist, mein Rücken schmerzt (ich wiederhole mich; eine meiner Macken), die Beine sind schwer. Der Trainer (Aliasname: Erklärbär) läuft die Umleitung, weil der übliche Weg über den Kanal  bis zum zweiten September gesperrt ist. In Berlin sind zur Zeit nicht mal die Fußwege von dem Baustellenwahn ausgenommen. Die Leonorenstr. stinkt, was einem auch nur beim Laufen so krass auffällt.
Endlich am Kanal angekommen, spult der Trainer in gequältem Trap seinen Lauf bis zur  dritten Brücke ab. Das Zollhaus soll es heute einfach nicht sein.
Auf dem Rückweg hadert der Trainer mit seinem körperlichen Zustand, während er die erste Brücke unterquert. Auf der anderen Seite angekommen, bemerkt der Trainer im Augenwinkel einen anderen Läufer. Er trägt standesgemäße Bekleidung, ist einen halben Kopf kleiner, dürfte aber  5 – l0 Kilogramm schwerer sein, also keine Gefahr. Der wird doch nicht……  Doch er wird: Nach ungefähr hundert Metern läuft er an mir vorbei! SO NICHT MEIN FREUND! Die Steinzeitlaufratte im Trainer erwacht. Gefahr (fürs Ego) droht, Adrenalin ausgeschütten und  dann:

Beine: LOCKER
Kopf: KAMPF

Erst mal dranbleiben und schauen, was der Kugclblitz so drauf hat. Der Trainer bleibt dran und fiihlt  sich gut. Am Hubilandeplatz (Krankenhaus) bemerkt dcr Kugelblitz das der Trainer dran bleibt und zieht etwas an. FRECH !!!
Das pariert der Trainer locker und läuft jetzt neben ihm. Ich schaue lächelnd zum Kugelblitz rüber und atme natürlich nur durch die Nase. Wie 1999 Lance Armstrong und Jan Ulrich auf dem Weg nach Alp d Huez. Er lächelt nicht zurück und schaut nur verstohlen aus dem Augenwinkel.  Der Trainer sieht es: SCHWÄCHE
Was hat mir MEIN Trainer mal gesagt (jeder hat einen Trainer, mein Trainer Andi sei hier lobend erwähnt): Angreifen, sprich Tempoverschärfung immer am Berg!

Vor uns liegt der Anstieg zur Birkbuschstr. Der Zufallsgenerator in meinem I-Phone wechselt von Depeche Mode auf Metallica. Das kann kein Zufall sein, dass ist der Steinzeitinstinkt, GENIAL. Der Trainer zieht an, nur nicht umdrehen, das zeigt Schwäche. Der Trainer rennt wie besessen. Der Puls: Anschlag; Beine: brennen; nicht umdrehen; der Zebrastreifen: nicht umdrehen; das Anne-Frank-Heim: nicht umdrehen. An der Einbiegung zur Leonorenstr. traut sich der Trainer einen verstohlenen Blick über die Schulter zu machen.  Der Kugelblitz ist nicht mehr da, meine Rückenschmerzen, nicht mehr da. Dafür schlägt mein Herz bis zum Hals, aber der Trainer ist glücklich, der Sinn des Laufens: Glücklich sein!

Dafür ist der Trainer Kanalratte und eben manchmal auch die MACHOSTEINZEITLAUFRATTE.

Meine gelbe Hose und Ich, Teil 2: Ermutigung

Die Klage der Kanalratte über mangelnde Würdigung von gelben Hosen hat ein überraschendes Echo gefunden. Mitten aus dem Land der Gelbhosen, sprich: aus dem Umland des BVB kam die Ermutigung: Gelbe Hosen sind Götze-Hosen und Meister-Hosen. Vom tiefen Tal zur höchsten Höhe: Die gelbbehoste Kanalratte ist nicht out‚ sondem trendmäßig mega-in. Nun erwägt die Kanalratte die Anschaffung einer echten BVB-Hose zur Vorführung am Teltowkanal. Lasst die Farbpsychologen grübeln.

Herzflimmern? Nein, danke

Was im wirklichen Leben so aufregend sein kann, ist beim Laufen eher unangenehm oder sogar gefährlich. Im alten Streit zwischen Kopf und Herz sind die Prioritäten für den Läufer klar: der Kopf ist frei, das Herz unter Kontrolle. Die “Logik des Herzens”, von der Pascal einst sprach, ist dem Regiment der Pulsuhr unterworfen. Mein Herz, das schlägt hier ausschließlich für mich. Film im Kopf‘? Ja, bitte. Herzflimmem? Nein danke.

Meine gelbe Hose und Ich

Heute rede ich über ein Thema, dass zwar entfernt etwas mit Laufen, aber nichts mit Denken zu tun hat. Oder doch?

Jedenfalls: Schaut euch mal die Farbe der Laufhosen bei Männern an: blau, schwarz, weiß, rot – selten grün. Und gelb? Wie bitte?

Nun hat die Kanalratte eine seltsame Vorliebe fiir gelbe Sporthosen. Aber sie waren nicht zu kriegen. In den Farbpaletten der großen Hersteller kommen sie nicht vor. Bis die Kanalratte eine kleine Firma fand (keine Schleichwerbung), die alle möglichen Farben im Sortiment hatte. Auch gelb! Hurra! Endlich eine gelbe Hose!

Doch die Reaktion meiner Umwelt war ernüchternd: “Uschi” nannte mich ein Lauffreund. Und unser Hausmeister rief bei Anblick der gelben Hose aus: “Der Frühling kommt”! Männer lächelten mich während des Laufens verdächtig an. Wo ich doch ein Stino, ein stinknormaler Hetero bin. Die Kanalratte hat ein wenig resigniert: Nur außerhalb von Berlin, z.B. bei langen Läufen in der Eifel, kommt die gelbe Hose noch zum Einsatz. Zwischen Stadtkyll, Kronenburg und Hallschlag läuft außer mir kaum jemand. Wir laufen allein: meine gelbe Hose und ich. Und keiner versteht uns.

Holzwege

“Holzwege” – so der Titel eines der bekanntesten Bücher des Philosophen Martin Heidegger, der gerne auf die Erfahrungen seiner Schwarzwaldheimat zurückgriff — auf die Wege, die die Waldarbeiter ins Dickicht schlugen, um das Holz abtransportieren zu können, die aber irgendwo im Nichts endeten. Der Holzweg nichtet, so würde Heidegger vermutlich sagen.

Auch die Kanalratte hat ihre ganz persönliche Läufererfahrung mit einem Holzweg gemacht – und zwar so, dass sie am Ende weder laufen noch denken konnte.

Die Kanalratte fährt mit ihrem Coach ab und zu in den Grunewald zum Spezialtraining. Und der Coach, sportlich fit und hochaktiv‚ hat da so seine Ideen: So jagt er die Kanalratte die Kiesgrube rauf und runter, oder auf den Teufelsberg rauf, wieder runter und dann die Treppen zum Drachenfliegerberg hoch. Toll!

Letzte Woche kam er auf die Idee, zum Grunewaldtunn rauf, zur Havelchausee runter und von der anderen Seite wieder raufzulaufen. Auch toll! Da wählte er dann einen schmalen Fußpfad, von Wurzelwerk durchsetzt, der sich Schritt für Schritt zum Extremcrosslauf entwickelte. Zunächst Äste, dann kleine Baumstämme, dann schließlich ein Gelände wie nach einem Taifun. Riesige Stämme überall. Und dann irgendwann Ende. Ein Zaun. Das Nichts. Die Kanalratte schnaufte und kapitulierte.

Wir waren auf einem Holzweg. “War doch ne gute Abkürzung” meinte der Coach, der nicht schnaufie.

Fazit: Nicht nur bei Heidegger, auch im Grunewald gibt es Holzwege. Und: Auch mein Coach ist eine Ratte. Eine Kanalratte!

Auch die englichen Gartenratten laufen

Kommen die großen Clubchecker in eine neue Stadt, machen Sie sich sofort auf die Suche nach den besten Party Locations. Der Läufer dagegen checkt sofort mögliche Laufstrecken. Jede Stadt ist für ihn Laufterrain. Ideal sind natürlich große zentral gelegene Parks — wie der New Yorker Central Park oder der Berliner Tiergarten.

Auch München hat so was Großes, Zentrales. Die Kanalratte war letztens dort und hat Strecken im Englischen Garten gecheckt – rund um den Monopteros und weg vom chinesischen Turm, wo die einarmigen Henkelsportler üben. Als die Ratte am Samstag Morgen im benachbarten Lehel, einem der schönsten Viertel Münchens, seinen Kaffee trank, zogen stetig schwitzende Gestalten in Funktionsbekleidung vorbei. Die Lankwitzer Kanalratte freute es: Auch die englischen Gartematten laufen.

Laufen als Psychotherapie: Abkühlen durch Aufheizen

“Cool down” rufen wir den Zeitgenossen zu, die sich zuweilen von ihren Emotionen forttragen lassen und wie einst das HB-Männchen außer Kontrolle geraten. “Seelenruhe” haben schon die antiken Philosophen empfohlen, “Psychische Balance” und “Ausgeglichenheit” lautet das Therapieprogramm der Psychologen.

Dazu sagt die Ratte: Vergesst den ganzen Psychokram, zieht Eure Laufschuhe an und dann erlebt ihr das, was es eigentlich nicht geben darf: Dass man sich gründlich aufheizt und dabei ebenso gründlich abkühlt. Das regelmäßige Laufschwitzen wirkt besser als jede Therapie: Während der Körper dampft, kehrt in die Psyche eine anhaltende und dauerhafte Ruhe ein. Laufen ersetzt nicht nur die Psychotherapie, sie ist Psychotherapie.  Was sagt uns das? Körper und Geist gehören eng zusammen – so wie die Liebe durch den Magen, so geht die Seelenruhe durch den Körper.

Maifest der Kanalratten

Läufer brauchen einen Saisonhöhepunkt, und auch Einzelgänger, sprich: Einzelläufer, zieht es bisweilen zum archaischen Gemeinschaftserlebnis. Das ist bei den Kanalratten nicht anders. Die Lankwitzer Kanalratten haben ihr Highlight schon früh im Jahr: Mit dem 10 km beim BIG 25 – Lauf, Start und Ziel im Olympiastadion, feiern sie ihr traditionelles Maifest. Alte Kanalratten lassen sich dieses Event nicht entgehen und die jungen geben hier traditionell ihr Debut. So auch in diesem Jahr, als eine junge Lichterfelder Kanalratte ihr “erstes Mal” erlebte und – wenn der Ausdruck erlaubt ist – ein alter “Kanalrattenhase” sich von einer fünfstündigen Salsa-Veranstaltung am gleichen Nachmittag nicht abhalten ließ, sich die Kantsraße hinaufzuquälen, um ins Stadion einlaufen zu können.

Denn dies ist der ekstatische Höhepunkt des Kanalrattenmaifestes: Der Einlauf ins Olympiastadion durch das Südtor, die Katakomben (Samba!) und schließlich das Betreten der heiligen blauen Laufbahn mit Videowand. Wer noch nie erlebt hat, wie einen im Zustand völliger Erschöpfung noch einmal magische Kräfte beseelen und ins Ziel tragen, sollte sich zur Kanalratte machen: Zumindest einmal im Jahr beim Maifest im Westen Charlottenburgs.

Frühlingsgefühle und Laufnase

Dass Laufen die Sinne schärft, weiß jeder Läufer. Besonders den Geruchssinn: Nach einem langen Lauf sticht einem der Benzingeruch in die Nase und weibliches Parfum weht einen schon einen  halben Kilometer vor der Trägerin an.

Andererseits: Im Frühling, wenn alles blüht und duftet, hat die Laufnase ihre positiven Highlights.  Nichts ist schöner als durch die duftende Frühlingslandschaft zu laufen.

Vergiss Koks, vergiss Ekstasy: der wahre Trip ist der Frühlingstrip der Laufnase.