Kategorie-Archiv: Robert Zimmer, Reflexionen einer Kanalratte

Laufflaneur in Berlin

Der F laneur – der Spaziergänger, der sich scheinbar ziellos, explorativ und määnademd durch den Dschungel der Großstadt bewegt – Franz Hessel und Walter Benjamin haben den Berliner Flaneur literarisch unsterblich gemacht.

Flanieren als exemplarische Großstadterfahrung: Im frühen 21. Jahrhundert gibt es dazu eine neue Variante: der Berliner Laufflaneur. Zu besichtigen z.B. an Sonntagvorrnittagen entlang des Teltowkanals. Hunderte von Läufern traben locker durch die Landschaft – sich unterhaltend, Nebenwege erforschend und sogar Kinderwagen schiebend. Wer will, kann bis Teltow, zum Wannsee oder in den Grunewald laufen. Berlin: die weitläufige, grüne und flache Großstadt: Sie ist wie geschaffen fiir den Laufflaneur.

Laufen in Berlin-Patagonien

Eine endlos weite, windige Fläche, überwachsene Asphaltschneisen‚ karge Vegatation mit graugrünen Grasflächen, auf denen Vögel brüten. Verstreut stehen ein paar alte abgewrackte Positionsschilder.

Patagonien? No, it’s Tempelhof, stupid. Das Tempelhofer Feld, ehemals Flughafengelände, jetzt ein wunderbar wilder Park. Ein Park wie Berlin: Ungekämmt, aber voller Überraschungen.  Hier finden sich deshalb auch noch andere Tiere: Kanalratten z.B.‚ wenn sie ihr gewohntes Habitat am Teltowkanal mal verlassen. Denn das Tempelhofer Feld hat auch einen wunderbaren Läuferrundkurs von ca 6,5 km. Die philosophierende Kanalratte liebt diese Strecke. Hier erlebt sie nicht die Relativität der Zeit, sondern die Relativität des Raums. Man läufi gefühlte Stunden, ohne dass die Silhouette von Neukölln näherrückt. Statt kleiner, wird der Raum größer und dehnt sich. Laufen im Tempelhofer Feld: Ein klitzekleines Gefühl der Unendlichkeit.

Chronik eines angekündigten Laufs

Erst mal die gute Nachricht: Die Kanalratte hat den Berliner I-lalbmarathon überlebt, hat die Stadt mit vollen Sinnen erlebt, die City Ost in Richtung City West und wieder zurück durchquert und ist ohne Zerrungen und Krämpfe im Ziel gelandet.

Die schlechte Nachricht: Es war zu warm, der Puls war l0 Punkte höher als normal, die Kanalratte ist über Myriaden von Trinkbechern gestolpert und hat eine geradezu unterirdisch schlechte Zeit vorgelegt….  Schweigen.

Und nun die beste Nachricht: Nirgendwo sonst hat die Kanalratte die Mischung aus Glücks- und Grenzerfahrung erlebt wie bei diesen 21 Kilometern. Da die Ratte nicht nur läuft, sondern auch denkt, begreift sie nun, dass das Glück davon abhängt, dass man die eigene rote Linie nicht überschreitet. Es geht viel, aber nie alles. Das Laufen ist hier ein ideales Messinstrument. Beim Halbmarathon hat die Kanalratte ihre rote Linie gesehen.

Lauf in den Beinen, Film im Kopf

Es gibt viele Möglichkeiten, Landschaft intensiv zu erleben – beim Walking z.B. oder mit dem Fahrrad. Die intensivste Begegnung mit Natur und Landschaft bleibt für mich die beim Laufen. Nach einem langen Lauf sind die Beine bleischwer‚ aber der Kopf ist angefüllt mit Bildern, die wie ein Film ablaufen, wenn man die Augen schließt. Jede Etappe, fast jeder Meter steht mir dann noch eimnal plastisch vor Augen.

Warum ist Laufen eine so intensive Außenerfahrung? Vielleicht weil der Mensch ein laufendes Wesen ist, ein Wesen, dessen Sinne erst beim Laufen zur Höchstform auflaufen. Eine vielleicht gewagte, aber möglicherweise produktive These…

Die große Sinnfrage

In Zeiten der Krise und Depression, wenn eine Woche vor dem Wettkampf die Trainigszeiten stagnieren, der Körper schlaff und die Muskeln hart sind, stellt sich für die Kanalratte die große Sinnfrage: Warum laufe ich überhaupt (kausal) und zu welchem Zweck tu ich mir das an (theleologisch)?

Gesundheit, Fitness, der große Kick?

Seien wir ehrlich: Die Kanalratte läuft, weil ihre Rattenexistenz sich nur im Laufen erfüllt. Wie der Hamster im Rad, so die Ratte im Lauf. Don”t ask for reasons. Der Rattenlauf bewegt sich um sich selbst wie der Gott des Aristoteles.

Lauf und Zeit

Wie alle Lauffreaks trage ich meine Puls- und Stoppuhr am Arm. Und bin natürlich froh über verbesserte 5- oder 10km Zeiten. Aber, wie jeder Laufende weiß, diese gemessene, objektive Zeit ist nicht alles. Unabhängig von ihr hat jeder Lauf seine eigene Zeit. Manchmal dauern l0 km mit schweren Beinen eine Ewigkeit, manchmal fliegt die Ratte am Kanal entlang und saugt jeden Luftzug ein. Manchmal läuft die Ratte in Begleitung, unaufhörlich quasselnd. Diese Läufe sind besonders schnell vorbei. Oder die Ratte meditiert (Oho!).  Läufe werden zeitlich ganz unterschiedlich intensiv empfunden.  Der Unterschied zwischen objektiver und subjektiver Zeit ist übrigens ein altes philosophisches Thema – siehe Henri Bergson, Zeit und Freiheit. Ich mag Philosophen wie Bergson, die meine Wahrnehmung schärfen und mich im Alltag begleiten – besonders beim Laufen.

Tempus abit – rattus currit

Die Zeit läuft, die Ratte rennt.

Willkommen im Blog der philosophierenden Kanalratte – hauptberuflich frei schreibender Philosoph und nebenberuflich frei laufende Ratte am Berliner Teltowkanal und Mitglied der laufenden Lankwitzer Rattenfamilie (www.lankwitzerkanalratten.de)

Cogito ergo curro – ich denke also laufe ich. Laufen ist Denken mit anderen Mitteln, Existenzerhellung und Austesten von Grenzsituationen.

Apropos Grenzsituation: Die nächste steht schon am Horizont. Jeder kennt die Angst des Tormanns vorm Elfmeter, aber wer kennt die Angst der Kanalratte vor dem ersten Halbmarathon? Wer weiß, wie sich die Beine ab Kilometer 17 anfühlen?